New Work

New Work – Spiegel einer abgehobenen Elite?

Mann im Anzug

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Letzte Woche hat mein geschätzter Kollege Hendrik Epe einen Blog-Artikel geschrieben, über den ich noch lange nachdenken musste. Unter dem Titel „New Work zwischen Spiritualität, elitärem Scheiß und dringender Notwendigkeit“ stellte er die Frage, ob New Work als Bewegung überhaupt die Zielgruppe erreicht, für die sie gedacht ist: nämlich den ganz normalen Menschen. Er machte das unter anderem fest am Pricing für den XING New Work Award, der Ende März in Berlin stattfand. Das Ticket für diese Tagung lag bei 700 EUR, ein Betrag, den Hendrik so kommentiert:

„Vielleicht ist es meiner sozialpädagogisch angehauchten Grundhaltung, vielleicht ist es auch meinem Leben als Familienvater von drei Kindern, vielleicht ist es aber auch einfach nur dem gesunden Menschenverstand zu verdanken, dass ich das Gefühl habe, dass 713 Euro komplett, aber wirklich so dermaßen am eigentlichen Ziel von New Work vorbeischießen.“ Der Ticketpreis wäre für ihn schon machbar, „wenn meine Kinder etwa die nächsten zwei Wochen auf ihr Essen verzichten würden“.

New Work – Spiegel einer abgehobenen Elite?

Was den New Work Award betrifft: Ja, ich war auch dort. Aber da ich für einen Award vorgeschlagen worden war (aber nicht auf die Shortlist kam), bekam ich ein Freiticket. Und ganz ehrlich: 700 EUR hätte ich auch nicht bezahlt. Nicht weil das Event nicht gut gewesen wäre. Im Gegenteil: XING hat sich ein Bein ausgerissen: super Location, tolles Catering, eine absolut professionelle Veranstaltung mit dem New Work – Begründer Frithjof Bergmann als Stargast.

Und bevor jemand mit dem „Early bird“ – Argument kommt: Für mich zählt der normale Ticketpreis, wenn ich das Pricing der Leistung einer Tagung gegenüberstelle. Und da war die XING-Veranstaltung eben in beiden Kategorien Oberklasse. Der springende Punkt, den auch Hendrik beschreibt, ist: Ein „normaler“ Mensch kann nicht so einfach 700 EUR (+ Hotel und Fahrt) für ein solches Event ausgeben. Das heißt im Umkehrschluss: Man bleibt unter sich: Manager und höhere Führungskräfte, entsandte Personaler, Gründer von New Work – Unternehmen und natürlich Berater. Wollen wir das? Oder bildet sich hier gerade eine gefährliche Filterblase: elitäre New Worker drinnen und der konservative, normal verdienende Pöbel da draußen?

New Work war immer auf der Seite der Armen

Für mich war ein wichtiges Learning aus der XING-Veranstaltung, wie himmelweit teilweise das heutige New Work – Verständnis von dem entfernt ist, was einmal der Ursprung von New Work war. Das hat auch Bergmann während seines Auftritts meiner Meinung nach sehr klar formuliert. Bergmann waren die Themen der Veranstaltung zu sehr auf Organisation konzentriert, zu sehr auf das Jobsystem, das den Menschen unfrei macht. Man könnte auch sagen: zu stark zugeschnitten auf die Luxusprobleme von entwickelten westlichen Industrienationen.

Bergmann beschrieb in Berlin Armut bzw. den Konflikt zwischen Arm und Reich als einen der vier gesellschaftlichen „Tsunamis“, die momentan auf uns zurollen. Er selbst verbrachte einen Großteil seines beruflichen Lebens mit dem Kampf gegen die Armut in vielen Teilen der Welt: Indien, Russland, Afrika. New Work sollte daher immer auch den gesellschaftlichen Kampf gegen die Armut im Blick behalten. Und wer kämpft bei uns gegen die Armut? Die Kirchen und die Sozialarbeiter. Können die sich für ihre Mitarbeiter ein 700-EUR-Ticket leisten? Nein.

New Work braucht eine breite Bewegung

Ich will hier kein Eliten-Bashing betrieben. Wir brauchen Eliten, die Dinge weiterdenken und selbst ins Risiko gehen: unternehmerisch, sozial, intellektuell. Das ist bei New Work genauso. New Work ist Avantgarde. Nur müssen wir aufpassen, dass wir möglichst viele Leute mitnehmen. Das betrifft eine klare, verständliche Sprache genauso wie die Möglichkeit der Teilhabe aller sozialen Schichten an New Work. Deshalb brauchen wir eine breite Bewegung – unter anderem mit Events für 700 EUR und Events für 50 EUR.

Übrigens: Im Nachgang zum XING-Event wurde von einigen New Workern via Facebook der XING Award madig gemacht und verspottet. Ich halte ein solches Verhalten für falsch und arrogant. XING sorgt mit seinen Events und Sessions für eine dringend benötigte Breitenwirkung bzgl. New Work und ist einer der wenigen wirklich großen Player mit entsprechender Reichweite. Genau solche Multiplikatoren braucht die New Work – Bewegung.

New Work ist von seiner Theorie her ein zutiefst sozialer, breit angelegter Ansatz, was sich im Moment in der Bewegung – zumindest in Deutschland – so nicht widerspiegelt. Wir brauchen Events wie den New Work Award und Multiplikatoren wie XING, die sich für New Work engagieren und eine Breitenwirkung erzielen. Nur dürfen wir uns nicht in einer sprachlichen und intellektuellen Filterblase einschließen. New Work ist für alle Menschen da, und deshalb sollten wir auch allen Interessierten unterschiedliche Gelegenheiten geben, sich aktiv zu beteiligen.

Disclaimer: Ich schreibe ab und zu für XING als Branchen-Insider, habe mit dem Unternehmen jedoch keine sonstigen geschäftlichen Beziehungen.

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5 Kommentare auf "New Work – Spiegel einer abgehobenen Elite?"

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Christian Müller
Gast

Hallo Markus,
auch ich bedanke mich für den differenzierten Artikel. Und ich folge Deiner Argumentation, dass solche Angebote breiten Schichten zugänglich sein sollten. Aus diesem Grund sind nahezu alle Veranstaltungen, die wir unter dem Label New Work Thüringen (www.new-work.de/thueringen) veranstalten, kostenlos. Dort treffen dann Manager und Sekretärinnen, Arbeitslose und Geschäftsführer aufeinander – eben der Querschnitt unserer Gesellschaft. Das würde ich mir auch von einem New Work Award wünschen, dass der Zugang weniger Barrieren unterworfen ist.

Martina Tadli
Gast
Lieber Markus, ich kenne dich nicht persönlich, aber ich lese deine Artikel immer mit besonderem Interesse. Und hier sprichst du mir aus tiefster Seele. Wenn ich in Berlin nicht dabei war, so weniger wegen des Preises, obgleich auch ich schlucken musste, sondern weil es vor allem zeitlich nicht gepasst hat. Auch ich finde, dass XING eine wunderbare Plattform ist, um Gleichgesinnte und Interessierte zu treffen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen rund um neues Arbeiten, die Gestaltung unserer Gesellschaft und einer Zukunft möglichst für alle. Im Gespräch mit anderen Menschen werde ich immer wieder fassungslos angeschaut, wenn ich von New… Read more »
Gaby Feile
Gast
Hallo Markus, vielen Dank für diesen objektiven und gleichzeitig wach machenden Artikel. Ich stimme dir zu, dass das Thema unbedingt breiter bekannt werden muss. Und die Veranstaltung von XING trägt ganz sicher dazu bei. Es ist die Aufgabe derer, die dort waren und sich ansonsten mit New Work beschäftigen, dafür zu sorgen, dass auch die „ganz normalen Menschen“ davon erfahren. Denn neue Arbeit kann man nicht einfach in den Büroetagen einführen. Daimler versucht ja gerade mit einem „Leuchtturmprojekt“ Arbeit für alle „schöner“ zu machen. Bei den Arbeitern am Band scheitern sie daran, dass sie nicht wissen, wie sie die Arbeitszeit… Read more »